Lebensfreude
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Lebensfreude ist keine Frage des Temperaments

Spanien auf Platz 32. Portugal auf Platz 56. Und Finnland, das Land mit neun Monaten Winter und Menschen, die an Bushaltestellen grundsätzlich Abstand halten, zum siebten Mal in Folge auf Platz 1 der glücklichsten Länder der Welt. Irgendwas stimmt da nicht mit unserem Bild von Glück und Lebensfreude. Oder vielleicht stimmt genau das.

Der Psychologe Paul Ekman hat mal gesagt: 

Und genau da liegt der Haken. Wenn jemand laut ist, gestikuliert, lacht und das Leben bejubelt, dann zeigt er sein Temperament. Das sagt aber herzlich wenig darüber aus, wie es ihm wirklich geht. Temperament ist angeboren, tief verankert und beschreibt einfach, wie jemand auf die Welt reagiert. Impulsiv oder ruhig, expressiv oder zurückhaltend. Beides ist okay, beides sagt nichts über Lebensfreude aus.

Lebensfreude ist nämlich was anderes. Sie ist das tiefe Gefühl, dass das eigene Leben gut und sinnvoll ist, egal wie laut oder leise man das nach außen trägt. Die Positive Psychologie nennt das „Subjective Well-being“ und misst es anhand von Lebenszufriedenheit, positiven Emotionen und dem Gefühl von Sinn. Und genau hier schneiden die nordischen Länder seit Jahren besser ab als die südlichen, trotz weniger Sonne, trotz weniger Lautstärke.

Ja, wirklich.

Was die Zahlen dazu sagen

Der World Happiness Report der UN misst Glück anhand von sechs Faktoren: soziale Unterstützung, Lebenserwartung, Freiheit, Großzügigkeit, Vertrauen in Institutionen und Einkommen. Sonnenstunden stehen übrigens nicht auf der Liste.

Finnland punktet vor allem bei sozialem Vertrauen und Unterstützung. Zwei Faktoren, die laut Forschung langfristig stabiler zum Wohlbefinden beitragen als kurzfristige gute Laune. Die Psychologen Diener und Seligman haben bereits 2002 gezeigt, dass die glücklichsten Menschen vor allem eines gemeinsam haben: stabile, verlässliche soziale Beziehungen. Nicht Reichtum, nicht Wetter, nicht Temperament.

Und dann ist da noch die Forscherin Sonja Lyubomirsky, die herausgefunden hat, dass rund 40 Prozent unseres Glücksempfindens durch bewusste Haltungen und Gewohnheiten beeinflussbar sind.

Die Finnen machen das übrigens ziemlich gut: Naturverbundenheit, Gemeinschaft, Bescheidenheit und diese typisch finnische Fähigkeit, einfach im Moment zu sein, ohne großes Aufheben darum zu machen.

Aber sind Spanien und Portugal jetzt einfach „unglücklich“?

Nein, so einfach ist das nicht. Kulturelle Unterschiede spielen bei solchen Umfragen eine riesige Rolle, denn Menschen in südeuropäischen Ländern drücken Unzufriedenheit direkter und lauter aus. Was in Umfragen niedrigere Werte erzeugen kann, ohne dass das Leben objektiv schlechter wäre. Dazu kommen handfeste wirtschaftliche Faktoren wie hohe Jugendarbeitslosigkeit und jahrelange Krisen, die messbar auf das Wohlbefinden drücken.

Der Vergleich ist also komplex, keine Frage. Aber der Kerngedanke bleibt: Lebensfreude entsteht nicht durch Sonnenschein und Lautstärke, sondern durch Stabilität, Vertrauen und Verbundenheit.

Was du damit anfangen kannst

Du musst kein Finne sein, um das auf dein eigenes Leben anzuwenden. Aber es lohnt sich, das eigene Bild von Glück mal zu hinterfragen. Ist der lauteste Mensch im Raum wirklich der glücklichste? Und bist du selbst vielleicht glücklicher als du denkst, nur weil du es nicht jeden Tag herausschreist?

Die Forschung sagt: Wahrscheinlich ja.

Lebensfreude ist leiser als ihr Ruf. Und meistens sitzt sie genau da, wo man nicht erwartet: An einem stillen See, mit einer Tasse Kaffee, ohne große Ansage.


Kategorie Positive Psychologie

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Quellen:
Helliwell, J. F., Layard, R., Sachs, J. D., & De Neve, J.-E. (Hrsg.). (2024). World Happiness Report 2024. University of Oxford. https://worldhappiness.report/
Matsumoto, D., Yoo, S. H., & Fontaine, J. (2008). Mapping expressive differences around the world: The relationship between emotional display rules and individualism versus collectivism. Journal of Cross-Cultural Psychology, 39(1), 55–74. https://doi.org/10.1177/0022022107311854
Margolis, S., Schwitzgebel, E., Ozer, D. J., & Lyubomirsky, S. (2020). The stability of life satisfaction across the lifespan.Social Psychological and Personality Science. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2990956/

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