Arbeit und Sinn
Über vier verschiedene Antworten auf eine Frage, die niemand wirklich beantworten kann
Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich erreichen will, muss ich ehrlich sein: eigentlich nichts Großes. Kein Aufstieg, kein Sinn-Statement, keine Mission. Ich will einfach machen können, was mir Spaß macht, und davon leben. In einer Kultur, die ständig von Purpose und „Do what you love“ spricht, fühlt sich diese Antwort fast an, als müsste ich mich rechtfertigen.
Und ich bin damit nicht allein, im Gegenteil: Auf kaum einem anderen Gebiet prallen aktuell so unterschiedliche Vorstellungen davon aufeinander, was Arbeit eigentlich sein soll, wie im Job selbst.
Wenn vier Generationen vier verschiedene Antworten haben
Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als in Teams, in denen mittlerweile bis zu vier Generationen gleichzeitig arbeiten. Aktuelle Erhebungen zeigen: Für Babyboomer bedeutete Arbeit lange vor allem Loyalität, jahrelang beim selben Arbeitgeber, Aufstieg durch Ausdauer. Millennials legen deutlich mehr Wert auf Vereinbarkeit von Job und Privatleben, während Gen Z inzwischen wieder karriereorientierter und finanziell motivierter auftritt, als man ihr oft nachsagt. 34 Kein Wunder, dass sich viele Teams gerade schwertun: Boomer werfen der jüngeren Generation vor, zu viele Anpassungen vom Arbeitgeber zu erwarten, während sich Jüngere über starre Hierarchien und fehlende Flexibilität beschweren. 35 Interessanterweise sind sich fast alle Generationen aber in einem Punkt einig, den man beim Blick auf die lauten Debatten leicht übersieht: Im Kern sehen die meisten Arbeit weiterhin schlicht als Mittel, den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren, die Unterschiede liegen eher darin, was zusätzlich noch erwartet wird.
Vier Grundhaltungen, keine davon die „richtige“
Genau diese Unterscheidung, was Menschen bei ihrer Arbeit eigentlich suchen, hat die Psychologin Amy Wrzesniewski in ihrer inzwischen klassischen Forschung auf den Punkt gebracht, mittlerweile durch eine Metaanalyse mit fast 100 Studien bestätigt. Für die einen ist Arbeit ein Job, Mittel zum Zweck. Für andere eine Karriere, mit Aufstieg als Antrieb. Für eine dritte Gruppe eine Berufung, tief mit der eigenen Identität verwoben. 31 Diese drei Gruppen sind erstaunlich gleichmäßig verteilt, keine ist die Ausnahme. Was in diesem Dreiklang fehlt, ist eine vierte Haltung: weder Sinn-getrieben noch rein zweckgebunden, sondern einfach Freude an der Tätigkeit selbst, ohne dass ein größeres Warum nötig wäre.
Der Vergleichsdruck
Egal, welcher dieser vier Typen du bist, eine Kraft macht es allen schwerer, mit der eigenen Antwort zufrieden zu sein: der ständige Vergleich mit anderen. Eine aktuelle Studie zu Karriere-Vergleichen auf LinkedIn zeigt, wie das konkret funktioniert: Je mehr Menschen die Plattform nutzen, desto häufiger vergleichen sie ihren eigenen Werdegang mit dem anderer, was wiederum das Gefühl einer Lücke zwischen dem eigenen Stand und dem „sollte längst erreicht haben“ verstärkt, und genau dieses Gefühl treibt Menschen dazu, ihre Karriereziele ständig neu zu justieren, oft nach oben, selten aus echter Überzeugung. 32 Das Tückische daran: LinkedIn zeigt fast ausschließlich Highlights, neue Jobs, Beförderungen, Stage-Auftritte, nie die Umwege, Absagen oder ruhigen Jahre dazwischen. Wer sich daran misst, vergleicht die eigene vollständige Geschichte mit der Bestenliste eines anderen.
Warum ausgerechnet die Berufung zum Ideal wurde, und was das kostet
Verschärft wird dieser Druck durch eine kulturelle Rangfolge unter den vier Grundhaltungen: Wer seine Arbeit als Sinn-Projekt beschreiben kann, gilt als authentisch und erfüllt. Wer offen sagt, der Job sei einfach ein Job, wirkt dagegen, als hätte er sich mit zu wenig zufriedengegeben. Diese Hierarchie hat aber keine wissenschaftliche Grundlage, im Gegenteil: Eine Studie mit fast 400 Hochschulmitarbeitenden fand, dass Menschen, deren Berufung im aktuellen Job unerfüllt blieb, schlechter dastanden als Menschen, die gar keine Berufung für sich beanspruchten, schlechter bei Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Jobzufriedenheit gleichermaßen. 33 Manche Forschende nennen das die „Passion Tax“, den Preis für die Vorstellung, der eigene Job müsse mehr sein als ein Job.
Wie du deinen eigenen Weg findest, statt den lautesten zu übernehmen
Der praktische Ausweg aus diesem Druck beginnt nicht mit einer Typenzuordnung, sondern mit ein paar ehrlichen Standortbestimmungen:
- Frag dich zuerst, an wem du deinen beruflichen Erfolg gerade eigentlich misst. Wenn die Antwort „an einem Kollegen“, „an jemandem auf LinkedIn“ oder „an dem, was meine Eltern erwartet hätten“ lautet, miss du nicht deinen eigenen Fortschritt, sondern eine fremde Vorlage.
- Leg dir stattdessen einen eigenen, ganz persönlichen Maßstab fest, unabhängig davon, was gerade als erstrebenswert gilt. Das kann „genug Zeit für Familie und Hobbys“ sein, „ein Gehalt, mit dem ich entspannt leb“, oder tatsächlich „Aufstieg“, solange es deine eigene Wahl ist und keine übernommene.
- Und wenn du merkst, dass du dir ständig einredest, dein Job müsse „mehr Sinn“ haben, frag dich ehrlich: Würdest du ihn auch machen, wenn er dir kein größeres Sinn-Statement liefern müsste? Wenn ja, ist wahrscheinlich nicht dein Job das Problem, sondern der Druck, ihn zur Berufung erklären zu müssen.
Der 9-to-5-Typ muss sich dann nicht länger fragen, ob mit ihm etwas nicht stimmt. Der Karriere-Typ muss sich nicht für Ambition entschuldigen. Und der Freude-Typ, mein Typ, darf akzeptieren, dass „es macht mir einfach Spaß“ bereits eine vollständige Antwort ist. Genau wie bei Persönlichkeitstypen gibt es hier keine Hierarchie, nur unterschiedliche, gleich legitime Arten, sich zu etwas zu verhalten, das einen großen Teil unserer Lebenszeit einnimmt.

ANDERS, ABER GLEICH
Verschiedene Persönlichkeiten, ein gemeinsames Menschsein
Quellen:
[31] Exploring the Impact of Work as a Calling on Career Development: A Meta-Analytic Review. The Career Development Quarterly (2025). Online: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cdq.70005
[32] Revising Career Goals on LinkedIn: The Role of Career-Related Social Comparison and Goal Discrepancy (2026). Online: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC13509988/
[33] Calling Is More Than Your Job. Christianity Today (2024). Online:https://www.christianitytoday.com/2024/09/calling-gods-purpose-job-career-vocation/
[34] Erwartungen von Generation Z, Millennials und Boomern im Job. OnlineMarketing.de (2025). Online: https://onlinemarketing.de/karriere/human-resources/4-generationen-erwartungen-arbeitgeberinnen-job
[35] Warum Gen Z und Babyboomer im Job aneinander verzweifeln. springerprofessional.de (2024). Online: https://www.springerprofessional.de/konfliktmanagement/diversitaetsmanagement/warum-gen-z-und-babyboomer-im-job-aneinander-verzweifeln/27011004
