Was bedeutet Gemütlichkeit?
Und warum ich dieses Jahr ganz ohne Deko starte
Ab Oktober wird bei mir renoviert, und das bedeutet, dass meine Wohnung in den nächsten Wochen vor allem eine Baustelle voller Kisten sein wird. Und das mitten im Herbst, also genau in der Jahreszeit, in der einem an jeder Ecke Kerzen, Decken und Kissen entgegenlachen. Bei mir gibt es dieses Jahr trotzdem keine Deko, weil erst der Rahmen stehen muss, und das hat mich auf eine Frage gebracht, die ich mir vorher nie so gestellt habe:
👉 Was bedeutet Gemütlichkeit eigentlich, wenn man sie sich gerade nicht einfach kaufen kann?
Es ist kein Zufall, dass genau jetzt, wenn es früher dunkel wird und die Temperaturen fallen, überall Gemütlichkeit verkauft wird. Denn mit dem Herbst verschiebt sich unser Alltag ganz automatisch nach drinnen, und drinnen zu sein bedeutet eben auch, sich mit dem Raum um einen herum auseinanderzusetzen. Ich glaube, genau da liegt der Grund, warum Möbelhäuser und Deko-Läden im Oktober Hochsaison haben und warum ich mich mitten in meiner Baustelle etwas fehl am Platz fühle, wenn überall die ersten Kerzen aufflackern.
Was bedeutet Gemütlichkeit eigentlich?
Für mich ist Gemütlichkeit dieses leise, entspannte „ACH JA“, das einem entfährt, wenn man abends auf die Couch sinkt, sich einfach fallen lässt und weiß, dass jetzt nichts mehr passieren muss, am liebsten mit einem schönen Film und einem Kakao. Damit ist der Kern eigentlich schon beschrieben, denn es ist ein Gefühl und kein Gegenstand.
Die Dänen haben dafür bekanntlich ein eigenes Wort, Hygge, das ursprünglich aus dem Norwegischen stammt und erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts in die dänische Schriftsprache kam. Der dänische Glücksforscher Meik Wiking beschreibt es als das Gefühl, mit einem geliebten Menschen eingekuschelt auf dem Sofa zu sitzen, während es draußen dunkel und kalt ist. Was ziemlich genau nach meinem „ACH JA“ klingt.

Seit dem Hype 2016, in dem das Wort auf die Shortlist zum Oxford-Wort des Jahres kam und Instagram sich mit über anderthalb Millionen Hashtag-Beiträgen füllte, wird Hygge allerdings gern als Einkaufsliste verkauft. Und das, obwohl es laut einer Analyse in The Conversation überall stattfinden kann, allein oder in Gesellschaft, mit oder ohne Kerzen, handgestrickte Socken und schicke Möbel.
Auch der Anthropologe Jeppe Trolle Linnet beschreibt Hygge in seinem Aufsatz „Money can’t buy me hygge“ als einen Stil des sozialen Miteinanders und nicht als Einrichtungsstil, wobei er auch auf eine Kehrseite hinweist: Hygge kann zur sozialen Norm werden, die Menschen ausschließt, die als nicht hygge-fähig gelten, etwa weil ihnen das Geld oder die passende Wohnung fehlen. Das zeigt schon, wie wenig es eigentlich mit dem Warenkorb zu tun hat.
Gemütlichkeit im Zuhause: Was Dinge können und was nicht
In der Glücksforschung gibt es dazu eine Untersuchung, die genau in diese Richtung zeigt: Van Boven und Gilovich befragten Menschen zu ihrem letzten Kauf über 100 Dollar und ließen sie einschätzen, wie glücklich sie dieser gemacht hatte. Dabei gaben deutlich mehr Menschen an, dass sie ihr Erlebniskauf glücklicher gemacht hatte als ihr materieller Kauf. Ein Muster, das sich über verschiedene Alters- und Einkommensgruppen hinweg zeigte.
In einem weiteren Experiment fühlten sich Teilnehmende in dem Moment, in dem sie über einen Erlebniskauf nachdachten, tatsächlich besser als beim Nachdenken über einen materiellen Kauf. Wenn Menschen gefragt wurden, woran sie öfter denken, war es in 83 Prozent der Fälle die Erfahrung und nicht der Gegenstand.
Das heißt nicht, dass Dinge unglücklich machen, es handelt sich um Selbstauskünfte, und ein Sofa ist für den Couch-Moment ja durchaus hilfreich. Aber es passt zu meinem Gefühl, dass es bei der Gemütlichkeit weniger um das geht, was im Regal steht, als um das, was abends davor passiert.
Und weil ich im Ausmist-Artikel geschrieben habe, dass laut Saxbe und Repetti gerade das Unfertige zu stressen scheint, ist eine Baustelle sozusagen die Extremform davon. Denn bevor es gemütlich werden kann, muss es erst einmal fertig werden, ganz unabhängig davon, wie viele Kerzen schon bereitstehen.
Meine Challenge: Erst der Rahmen, dann die Deko
Damit ich das nicht nur behaupte, habe ich mir eine kleine Challenge gesetzt, die ich bewusst klein halte, damit ich sie auch durchhalte:
1. Erst der Rahmen.
Deko und Kleinkram kaufe ich erst wieder, wenn die Renovierung soweit fertig ist und alles steht.
2. Dann schauen, was wirklich fehlt.
Erst wenn alles steht, sehe ich, was ich noch brauche, und nicht vorher, denn vorher rate ich vermutlich nur.
3. Wenn, dann Second Hand oder selbstgemacht.
Falls mir dann tatsächlich etwas fehlt, kommt es Second Hand oder selbstgemacht bzw. upgecycelt ins Haus, statt schnell im nächsten Deko-Laden gekauft zu werden.
4. Angefangene Projekte auch fertig machen.
In Experimenten von Norton, Mochon und Ariely, dem sogenannten IKEA-Effekt, bewerteten Menschen selbst gemachte Dinge wie zusammengebaute Boxen, Origami oder Lego-Konstruktionen ähnlich hoch wie Objekte von Profis. Allerdings verschwand dieser Effekt, sobald ein Projekt nicht fertig wurde oder wieder zerstört wurde. Es ging dort um Boxen, Origami und Lego und nicht um Gemütlichkeit, aber ich nehme es als Erinnerung, dass ein halbfertiges Upcycling-Projekt im Flur wohl eher stresst als erfreut, und das ist mein Learning daraus, nicht die der Studie.
Das Ganze ist ein Experiment und kein Dogma, und mir geht es vor allem um die Reihenfolge: erst der Rahmen, dann der Bedarf, und nicht andersherum.
Dein Gemütlichkeits-Check
- Wenn du herausfinden willst, was dein Zuhause gemütlich macht, hilft dir vielleicht dieser kleine Check, den ich mir aus alldem gebaut habe:
- Wann hattest du zuletzt dein „ACH JA“?
- Wer war dabei, was habt ihr gemacht und wo genau hast du gesessen?
- War es ein bestimmter Ort in deiner Wohnung, oder hätte der Moment auch woanders funktioniert?
- Fehlt dir für genau diesen Moment ein Ding oder eher die Zeit dafür?
👉 Wenn du bei einem Ding landest, dann kauf es ohne schlechtes Gewissen, und wenn du bei der Zeit landest, hilft dir keine Deko der Welt, weil die den Abend auf der Couch nicht ersetzt, sondern höchstens hübscher macht.
Am Ende ist Gemütlichkeit nicht das, was im Regal steht, sondern das Gefühl, wenn man auf der Couch landet, und ich bin gespannt, ob mir das auch zwischen Kisten und Baustaub gelingt, oder ob ich am Ende doch schneller zur ersten Kerze greife, als ich Hygge sagen kann.

Noch mehr Lifestyle-Tipps findest du hier:
Quellen:
Linnet, J. T. (2011). Money can’t buy me hygge: Danish middle-class consumption, egalitarianism, and the sanctity of inner space. Social Analysis, 55(2), 21–44. https://doi.org/10.3167/sa.2011.550202
Norton, M. I., Mochon, D., & Ariely, D. (2012). The IKEA effect: When labor leads to love. Journal of Consumer Psychology, 22(3), 453–460. https://doi.org/10.1016/j.jcps.2011.08.002
Van Boven, L., & Gilovich, T. (2003). To do or to have? That is the question. Journal of Personality and Social Psychology, 85(6), 1193–1202. https://doi.org/10.1037/0022-3514.85.6.1193
The Conversation. (2016, 6. Dezember). The Danish concept of ‚hygge‘ and why it’s their latest successful export. https://theconversation.com/the-danish-concept-of-hygge-and-why-its-their-latest-successful-export-67268
