Unordnung und Stress
Was Chaos zu Hause wirklich mit dir macht
Ab Oktober wird bei mir renoviert, und zwar nicht ein bisschen Farbe an die Wand, sondern richtig, was bedeutet, dass ich mich in den nächsten Wochen sehr intensiv mit dem Thema Unordnung und Stress herumschlagen werde, genauer gesagt mit der Frage, wohin eigentlich all das Zeug soll, das sich in meiner Wohnung über die Jahre angesammelt hat.
Der Herbst fühlt sich für mich ohnehin wie ein Neustart an, ein Überbleibsel aus der Schulzeit, in der im September immer alles von vorn losging, mit neuen Heften, neuem Stundenplan und dem festen Vorsatz, diesmal wirklich ordentlich zu sein, und offenbar sitzt dieser Reflex tief genug, dass mir Ausmisten gerade als die beste Idee der Welt erscheint. Vielleicht kennst du ja auch diesen beliebten Eltern-Satz „Wer aufräumt ist zu faul zum Suchen“.
Weil einem beim Ausmisten ständig der Satz begegnet, ein aufgeräumtes Zuhause mache glücklich, wollte ich wissen, was die Forschung dazu tatsächlich sagt, und die Antwort lautet: deutlich weniger, als Ratgeber und Reels uns erzählen, dafür aber einiges, das ich viel spannender finde, und am Ende steht ein Workflow, mit dem ich selbst ins Ausmisten gehe.
Unordnung und Stress: Was die Forschung tatsächlich zeigt
Eine der bekanntesten Untersuchungen stammt von den Psychologinnen Darby Saxbe und Rena Repetti, die 60 berufstätige Ehepartner eine Tour durch ihr eigenes Zuhause geben ließen und danach auswerteten, welche Wörter dabei auftauchten, also ob eher von Kram, Chaos und unfertigen Projekten die Rede war oder von Ruhe, Erholung und Natur. In den drei Arbeitstagen danach wurde das Stresshormon Cortisol gemessen, und bei den Frauen, die ihr Zuhause mit vielen Stresswörtern beschrieben hatten, verlief die Tageskurve flacher, ein Muster, das mit ungünstigen Gesundheitsfolgen in Verbindung gebracht wird, und außerdem wurden sie im Lauf des Tages niedergeschlagener, während es bei denen mit dem „erholsamen“ Zuhause genau andersherum war.
Bevor jetzt jemand panisch die Socken sortiert: Das ist eine Korrelation, es wurde also nicht gezeigt, dass der Haufen den Stress auslöst, und es könnte genauso gut sein, dass gestresste Menschen ihr Zuhause einfach düsterer beschreiben. Bemerkenswert finde ich, dass in die Stresskategorie nicht nur „chaotisch“ einfloss, sondern auch „unfertig“, denn es scheint weniger um die reine Menge an Zeug zu gehen als um das Gefühl, dass hier noch etwas erledigt werden will.
Nicht der Haufen macht’s, sondern das Zögern
Dazu passt eine Studie von Patel, Graupmann und Ferrari (2023) mit 227 Erwachsenen, in der Menschen, die bei Entscheidungen zögern und Dinge vor sich herschieben, stärker unter Clutter litten als die Entscheidungsfreudigen. Die Stichprobe ist klein und beruht auf Selbstauskünften, also bitte nicht überinterpretieren, aber meine Lesart, und das ist ausdrücklich meine und nicht die der Studie, ist folgende: Jeder Gegenstand, über den du dich nie entschieden hast, ist wie ein offener Tab im Kopf, und mit genug offenen Tabs läuft der Laptop irgendwann eben heiß.

Und Chaos ist nicht automatisch der Bösewicht
Der Kontrapunkt kommt von Kathleen Vohs und ihrem Team, die Menschen (2013) in einem ordentlichen oder einem unordentlichen Raum unterbrachten. In der ordentlichen Variante wurden gesündere Snacks gewählt, mehr Geld gespendet und insgesamt eher konventionelle Entscheidungen getroffen, in der unordentlichen dagegen kamen originellere Ideen dabei heraus, zum Beispiel für die Verwendung von Ping-Pong-Bällen, bei gleich vielen Ideen insgesamt. Auch das war ein kurzes Laborexperiment und lässt sich nicht eins zu eins aufs Wohnzimmer übertragen, aber es zeigt, dass Unordnung kein Defekt ist, sondern je nach Situation sogar etwas bringen kann.
Was du aus den Studien mitnehmen kannst
Zusammengenommen sagen die drei Studien ziemlich konsistent, dass Unordnung und Stress vor allem dann zusammenhängen, wenn etwas unfertig oder unentschieden ist, und weniger dann, wenn einfach viel herumsteht, und dass Chaos an der richtigen Stelle sogar helfen kann. Daraus lässt sich etwas bauen, das man am Samstagvormittag tatsächlich machen kann. Oder wie bei mir, die nächsten Wochen 😊.
Mein Ausmist-Workflow: So gehe ich ins Ausmisten
Vorab die ehrliche Einordnung: Dieser Ablauf ist als Ganzes nicht wissenschaftlich getestet, sondern meine Übersetzung der drei Studien in fünf Schritte, und du darfst alles streichen, was nicht zu deinem Leben passt. Auf Instagram erzähl ich dann, ob Theorie und Praxis hier zusammengekommen sind, oder ob es einfach Blödsinn ist.
1. Erst einmal durch die Wohnung gehen, ohne etwas anzufassen.
Ich laufe durch alle Räume und notiere mir nur, wo es bei mir unfertig wirkt, also wo Kisten auf eine Entscheidung warten, wo Dinge liegen, die eigentlich woanders hingehören, und wo ich innerlich seufze, denn nach Saxbe und Repetti dürfte genau das der Stressfaktor sein und nicht die Menge an Zeug an sich. Alles, was zwar voll aussieht, mich aber nicht stört, bleibt außen vor. Ehrlich gesagt, gibt es da nicht viele Ecken die mich nicht stören und die so bleiben dürfen. Das ist dann eher mein Auto, denn das ist immer voll, unordentlich und für mich einfach perfekt „geordnet“. Hab immer alles dabei .
2. Festlegen, wo Unordnung erlaubt ist.
Bevor es losgeht, bestimme ich, welche Zonen chaotisch sein dürfen, etwa der Schreibtisch oder eben das Auto, und wo ich Ruhe haben will, damit ich nicht versuche, die ganze Wohnung auf Katalogniveau zu bringen, was nach Vohs ohnehin nicht überall sinnvoll wäre.
3. Eine Zone wählen und komplett zu Ende bringen.
Ich nehme mir die größte Seufz-Ecke vor und arbeite sie so lange durch, bis sie wirklich abgeschlossen ist, denn drei halb sortierte Schubladen erzeugen nach der Logik der Studien eher mehr Unfertiges als vorher, und eine einzige komplett fertige Ecke fühlt sich ganz sicher besser an als eine Wohnung voller Baustellen. Bei mir ist es das Badezimmer. Hier wird gnadenlos losgelegt und das Beste, der kleinste Raum der Wohnung ist damit schonmal fertig und braucht (hoffentlich) nicht mehrere Tage.
4. Bei jedem Ding entscheiden: bleibt oder geht.
Wenn ich merke, dass ich bei einem Gegenstand hadere, packe ich ihn nicht in eine Vielleicht-Kiste, die das Zögern nur verschiebt, sondern gebe ihm einen festen Entscheidungstermin, und alles, was geht, bekommt sofort einen konkreten Ausgang, etwa ein Foto für die Kleinanzeigen oder einen Abholtermin für die Spende, weil ein Ding, das nur „geht“, aber noch im Flur steht, schon wieder unfertig ist. Hier werde ich vielleicht aber recht radikal arbeiten und wirklich viele Sachen verkaufen oder wegschmeißen. Mal schauen.
5. Zum Schluss noch einmal durch die Wohnung gehen.
Ich schaue, wo ich immer noch seufze, denn gemessen wird nicht, wie leer die Regale sind, sondern wie viele offene Fragen noch herumliegen, und wenn es weniger geworden sind, war der Ausmist-Marathon ein Erfolg.
Ob ich das alles noch so gelassen sehe, wenn schon bald überall in der Wohnung die Kisten stehen, wird sich zeigen, aber ich gehe mit einer tröstlichen Erkenntnis rein: Wer Unordnung und Stress loswerden will, braucht keine perfekte Wohnung, sondern eine, in der möglichst wenig Unentschiedenes wartet. Raus aus der Wohnung, raus aus dem Kopf!

Mehr Glücksforschung findest du hier
Quellen:
Patel, D. A., Graupmann, V., & Ferrari, J. R. (2023). Reactance, decisional procrastination, and hesitation: A latent class analysis of clutter behavior. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(3), Article 2061. https://doi.org/10.3390/ijerph20032061
Saxbe, D. E., & Repetti, R. (2010). No place like home: Home tours correlate with daily patterns of mood and cortisol. Personality and Social Psychology Bulletin, 36(1), 71–81. https://doi.org/10.1177/0146167209352864
Vohs, K. D., Redden, J. P., & Rahinel, R. (2013). Physical order produces healthy choices, generosity, and conventionality, whereas disorder produces creativity. Psychological Science, 24(9), 1860–1867. https://doi.org/10.1177/0956797613480186







