Novemberblues
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Novemberblues? Pah!

Warum die pauschale Novemberdepression wissenschaftlich auf ziemlich wackeligen Beinen steht

Kaum wird’s draußen grau, geht’s los: „Ich hab schon wieder diesen Herbst-Blues.“ „Typisch November, alles so trüb.“ Spätestens beim dritten Regentag hat halb Deutschland offiziell Novemberblues und Winterdepression. Zumindest gefühlt, laut Small Talk, laut Instagram-Story mit trauriger Katze. Ich mach da ehrlich gesagt gern mit, irgendwie ansteckend, oder? Aber neulich hab ich mich gefragt: Stimmt das eigentlich, oder hat man sich da kollektiv in was reingesteigert?

Kurzer Faktencheck vorab, weil er so herrlich entlarvend ist: Kennst du „Blue Monday“, den angeblich deprimierendsten Tag des Jahres, immer der dritte Montag im Januar? Der wurde nicht etwa von Psychiater:innen erforscht, sondern 2005 von einer britischen Reisefirma erfunden. Sky Travel wollte im tristen Januar mehr Pauschalreisen verkaufen und beauftragte einen Psychologen, eine „wissenschaftliche Formel“ für den traurigsten Tag des Jahres zu basteln[1]. Eine PR-Nummer, nichts weiter, die bis heute als Fakt durch die Medien geistert. Wenn schon der berühmteste „Trauertag“ des Jahres eine Marketing-Erfindung ist, wie viel von diesem „typisch November“-Gejammer ist dann eigentlich echt, und wie viel ist einfach eine Geschichte, die man sich gegenseitig erzählt?

Was die Forschung tatsächlich sagt

Genau das hat eine große US-Studie mit über 34.000 Teilnehmenden untersucht und kam zu einem Ergebnis, das ziemlich gegen die gefühlte Wahrheit steht: Wenn man Depressionssymptome großflächig erhebt und mit Jahreszeit, Breitengrad und tatsächlicher Sonnenlichtmenge abgleicht, findet sich auf Bevölkerungsebene kein verlässlicher Zusammenhang. Die Forschenden sprachen sogar davon, dass die „saisonale Depression“ eher zur Alltagspsychologie gehört als zu belegter Wissenschaft.[2] Das heißt nicht, dass es die klinische Diagnose Saisonal-Affektive-Störung nicht gibt. Die ist real und ernst zu nehmen. Aber die Vorstellung, dass quasi jeder im November zwangsläufig in ein Stimmungsloch fällt, hält der Forschung nicht wirklich stand.

Und trotzdem hält sich das Klischee hartnäckig, warum eigentlich? Ein Teil der Antwort liegt vermutlich darin, dass du genau das erwartest. Wenn von klein auf jedes Jahr aufs Neue „der graue November“ beschworen wird, in Zeitungsartikeln, in Gesprächen, in Kalendersprüchen, dann fällt dir jeder trübe Tag automatisch mehr auf als jeder trübe Tag im März, den niemand groß kommentiert.

Man könnte fast sagen: Der November hat ein Imageproblem, kein Wetterproblem. Mir fällt dabei übrigens auf, wie oft ich in Finnland das Gegenteil erlebe. Dort wird die dunkle Jahreszeit selten als Katastrophe verhandelt, sondern eher pragmatisch eingeplant, mit Kerzen, Sauna und warmen Getränken. Die eigentliche Krise kommt eher gegen März, wenn der Winter und die Dunkelheit einfach nicht gehen wollen. Vielleicht ist an der Novemberklage also tatsächlich mehr Erzählung dran als Wetterlage.

Woher kommt dann trotzdem das Gefühl, dass viele Menschen im Herbst schlechter drauf sind? Psycholog:innen, die sich mit saisonalen Stimmungsschwankungen beschäftigen, weisen auf einen entscheidenden Punkt hin: Es ist selten die Dunkelheit selbst, die dich fertigmacht, sondern das, was sie in deinem Verhalten auslöst. Du bewegst dich weniger, du triffst dich seltener spontan, du bleibst eher drinnen statt draußen. Genau diese stillen Verhaltensänderungen, nicht das Wetter an sich, erklären einen großen Teil dessen, was du vorschnell „Novemberloch“ nennst.[3]

Der Mehrwert: Gegen das Gejammer, für die Handlung

Und genau hier liegt der eigentlich brauchbare Impuls: Wenn nicht die Dunkelheit selbst das Problem ist, sondern dein Rückzugsverhalten, dann liegt der Hebel auch nicht beim Wetter, sondern bei dir. Die einfachste, am besten erforschte Gegenmaßnahme heißt in der Psychologie „Behavioral Activation“. Du wartest nicht, bis die Motivation von allein zurückkommt, sondern handelst bewusst gegen die Trägheit, auch wenn (gerade weil!) du eigentlich keine Lust hast.3

Zwei ganz konkrete Übersetzungen davon in den Alltag: Erstens, nicht auf den „perfekten sonnigen Tag“ für den Spaziergang warten, sondern genau an dem miesen, grauen Nachmittag die Jacke anziehen. Zehn Minuten reichen, es geht nicht um Höchstleistung. Zweitens, Verabredungen im Zweifel eher fest einplanen als spontan absagen, weil gerade die spontane Absage im Herbst besonders verlockend, aber auch besonders trügerisch ist. Meistens geht’s dir hinterher besser, nicht schlechter.

Novemberblues

Aber: Nicht jeder ist gleich vom Novemberblues betroffen

Was die Forschung allerdings auch zeigt: Es gibt echte, messbare individuelle Unterschiede darin, wie stark jemand überhaupt auf Licht und Jahreszeit reagiert. Eine aktuelle Studie fand einen direkten Zusammenhang zwischen bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und der Anfälligkeit für saisonale Stimmungsschwankungen. Manche Menschen sind einfach empfindlicher gegenüber Lichtmangel als andere, unabhängig davon, wie viel Sonne sie tatsächlich abbekommen.[4]

Es ist also nicht so, dass „der November“ objektiv gleich auf alle wirkt und manche sich nur mehr zusammenreißen als andere. Manche Persönlichkeiten sind für diese Jahreszeit einfach empfänglicher gebaut, andere merken kaum einen Unterschied zum Rest des Jahres.

Und das ist eigentlich die viel interessantere Erkenntnis als das ganze Novemberblues-Gerede: Es gibt nicht die eine Reaktion auf die dunkle Jahreszeit, die alle gemeinsam haben, so wie es auch nicht den einen Persönlichkeitstyp gibt. Der eine schlittert wetterunabhängig fröhlich durch den ganzen Winter, die andere merkt jede fehlende Sonnenstunde. Beides ist normal, beides ist einfach… anders.


Ausgabe November 2026

ANDERS, ABER GLEICH

Verschiedene Persönlichkeiten, ein gemeinsames Menschsein

Quellen:

[1] Blue Monday debunked: Why a travel agency invented the most depressing day of the year. Euronews(2026). Online: https://www.euronews.com/travel/2026/01/19/blue-monday-debunked-why-a-travel-agency-invented-the-most-depressing-day-of-the-year

[2] Study Finds „Seasonal Affective Disorder“ Doesn’t Exist. Scientific American (2024). Online:https://www.scientificamerican.com/article/study-finds-seasonal-affective-disorder-doesn-t-exist/

[3]  [3] Why seasonal depression is about more than the bleakness of winter. Salon (2023). Online: https://www.salon.com/2023/12/24/why-seasonal-depression-is-about-more-than-the-bleakness-of-winter/

[4]  [4] Relationship between sun exposure and seasonal affective disorder symptoms in rural older people with different personalities: a cross-sectional study. BMC Public Health (2024). Online:https://link.springer.com/article/10.1186/s12889-024-20074-y

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