Reisen ohne Reiseführer
Die Kunst, sich absichtlich zu verirren
Ich habe mal versucht, einen Tag lang komplett ohne Ziel durch Kristinestad zu laufen, ein kleines Holzhausstädtchen an Finnlands Westküste, das so versteckt ist, dass selbst viele Finninnen es nur vom Namen kennen. Kein Google Maps, kein „das muss ich gesehen haben“, nur Straße für Straße, dahin, wo es gerade interessant aussah. Nach zwanzig Minuten stand ich auf dem kleinen Marktplatz an ein paar Fischständen, von denen ich nie gehört hatte, aß dort die vermutlich beste Lachssuppe meines Lebens und kam mit einer Verkäuferin ins Gespräch, die mir am Ende erklärte, wie man richtig Mämmi macht, das schwarze, ziemlich gewöhnungsbedürftige Ostergericht aus Finnland. Nichts davon stand in einem Reiseführer. Das war genau der Punkt.
Urlaubst du noch oder reist du schon?
Urlaub und Reisen sind zwei völlig unterschiedliche Schuhe, auch wenn beide Wörter im Alltag ständig durcheinandergeworfen werden. Urlaub ist vor allem Ausruhen, gern auch zum zehnten Mal am selben Ort, mit ein bisschen Entdeckung als Beilage, aber nicht als Hauptgang. Reisen dagegen ist der bewusste Ausflug ins Unbekannte, mit Neugier statt Liegestuhl als Antrieb.
Selbst die Wissenschaft findet diese Unterscheidung ziemlich gut, nur mit sperrigeren Wörtern. Schon in den 1960er-Jahren hat der Psychologe Daniel Berlyne zwei Sorten Neugier unterschieden. Die eine, diversive Neugier, ist der Heißhunger auf alles Neue, egal was, Hauptsache noch nie gesehen. Das ist ziemlich genau das Reisen. Die andere, spezifische Neugier, sucht gar nicht das komplett Fremde, sondern gräbt lieber tiefer in etwas, das man schon kennt, findet in Altbekanntem plötzlich eine neue Ecke. Das klingt verdächtig nach Urlaub: dasselbe Ferienhaus wie letztes Jahr, aber diesmal der Wanderweg, der vorher zu war, das Café, das neu aufgemacht hat. Wer also treu jeden Sommer an denselben See fährt, ist keineswegs weniger neugierig als die notorische Weltenbummlerin. Die Neugier läuft bei ihm nur nach innen statt nach außen.
Warum Verirren wissenschaftlich Sinn ergibt
Reiseforschung beschäftigt sich inzwischen ernsthaft mit dem, was lange nur nach Bummelei klang. Eine Studie aus diesem Jahr hat untersucht, was Menschen an ungeplantem Reisen eigentlich wertschätzen, und kam zu einem überraschenden Ergebnis: Es geht dabei kaum um pure Spontaneität oder Impulsivität, sondern um mehrere unterschiedliche Werte gleichzeitig. Freiheit, Selbstwirksamkeit, das Gefühl, echte eigene Entdeckungen zu machen statt nur abzuarbeiten, was ohnehin schon jeder kennt. Andere Tourismusforschung beschreibt ein Konzept namens „geplante Serendipität“: Reisende suchen aktiv Situationen auf, in denen sie auf Unerwartetes stoßen können, weil sie längst wissen, dass die schönsten Reiseerinnerungen selten die abgehakten Sehenswürdigkeiten sind, sondern die Umwege dorthin.
Psychologisch gesehen ist Verirren übrigens kein rein positives Erlebnis, das muss man ehrlich dazusagen. Wer wirklich die Orientierung verliert, kann in Panik geraten. Der Unterschied zwischen einer verstörenden und einer bereichernden Verirrung liegt fast immer in der Dosis und der Sicherheit drumherum. In Kristinestad war das denkbar entspannt: Die Altstadt ist klein genug, dass man selbst beim planlosesten Herumstreunen durch die Kopfsteinpflastergassen rund um die Östra Långgatan nach spätestens einer halben Stunde wieder irgendwo Bekanntes trifft. Die Kunst liegt also nicht im kompletten Kontrollverlust, sondern im kontrollierten Verzicht auf Kontrolle.

Missverständnisse als eigentliche Reisebeute
Das Schöne an einem Tag ohne Plan ist, dass er automatisch auch Platz für kulturelle Missgeschicke lässt, und genau die bleiben meistens länger im Kopf als jede korrekt abgehakte Kathedrale. In Finnland lernt man ziemlich schnell, dass Schweigen in einem Gespräch keine unangenehme Pause ist, die man füllen muss, sondern ganz normaler Teil der Unterhaltung. Mir ist genau das in Kristinestad passiert: Ich bin auf den Windmühlenhügel am Stadtrand gestiegen und habe dort ein älteres Paar mit endlosem, freundlichem Schweigen begrüßt, das ich in meiner deutschen Nervosität erst mal mit hektischem Smalltalk zu füllen versuchte, bis ich merkte, dass hier gar nichts gefüllt werden musste. Das sind keine Peinlichkeiten, die man vermeiden sollte. Das sind die Momente, in denen man tatsächlich etwas über einen Ort lernt.
Wie du dich absichtlich verlierst, ohne dabei blöd dazustehen
Am einfachsten fängt man klein an: Für einen einzigen Vormittag der nächsten Reise das Handy komplett wegpacken, kein Navi, kein „Was muss man hier gesehen haben“. Einfach loslaufen, abbiegen, wenn eine Straße interessanter aussieht als die andere, und sich erlauben, dabei auch mal in eine Sackgasse zu laufen. Das ist kein Fehler, das ist der Deal.
- Lieber Menschen als Maschinen fragen. Ein Kellner, eine Verkäuferin, jemand an der Bushaltestelle weiß fast immer etwas, das keine App kennt.
- Eine Zeit- statt eine Ortsgrenze festlegen. Statt „Ich will zum Hafen“ lieber „Ich laufe jetzt zwei Stunden, egal wohin“. Das nimmt den Druck vom Ziel und legt ihn auf den Weg.
- Und falls doch echte Unsicherheit aufkommt: eine gespeicherte Offline-Karte nur für den Notfall, nie zum Nachschauen zwischendurch, sondern wirklich nur, wenn es brenzlig wird.
Am Ende bringt kein Reiseführer der Welt dorthin, wo der Fischstand mit der besten Lachssuppe steht, die niemand kennt. Das findet man nur selbst, und zwar genau dann, wenn man aufhört, danach zu suchen.

NEUGIER IST DER BESTE LEHRER
Warum wir glücklicher werden, wenn wir wieder fragen statt nur zu wissen
Quellen:
- Navas-León, S., Pérez-Moreno, P. J., Santín Vilariño, C., & Díaz-Milanés, D. (2025). Revalidation of the Curiosity and Exploration Inventory-II (CEI-II) using network analysis. Frontiers in Psychology, 16, Artikel 1514959. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1514959
- Sun, H., & Yao, L. (2025). Unraveling the charm of unplanned travel: Beyond impulsiveness to multiple values. Journal of Hospitality and Tourism Management, 63, 43–53. https://doi.org/10.1016/j.jhtm.2025.03.005
- Mieli, M. (2023). Planned serendipity: Exploring tourists‘ on-site information behaviour. Current Issues in Tourism, 27(6), 988–1002. https://doi.org/10.1080/13683500.2023.2197198
