Im Flow sein
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Im Flow sein

Wenn sich der Moment plötzlich richtig anfühlt, ohne Druck und ohne ständiges Gegensteuern

Jetzt gerade, während ich diesen Text schreibe, freue ich mich schon auf genau diesen einen Moment im Magazinprozess. Der kommt immer dann, wenn alles steht. Inhalte sind fertig, Entscheidungen getroffen und es geht nicht mehr ums große Nachdenken, sondern ums Umsetzen. Das Magazin im Grafikprogramm gestalten, Textblöcke setzen, Grafiken bauen, Bilder anpassen. Schritt für Schritt fügt sich alles zusammen. Und genau da passiert er: dieser Flow.

Es gibt diese Momente, in denen sich etwas verschiebt, ohne dass man genau sagen kann, wann das eigentlich passiert ist. Du sitzt an einer Aufgabe, vielleicht an einem Text, einer Idee oder einfach an etwas, das erledigt werden muss, und merkst irgendwann, dass der übliche Widerstand ausbleibt. Gedanken springen nicht mehr wild herum, die Aufmerksamkeit bleibt stabil, und selbst dein Zeitgefühl rückt ein Stück in den Hintergrund.[1]

Was sich dabei verändert, ist weniger die Tätigkeit selbst als die Art, wie du sie erlebst. Du musst dich nicht antreiben, nicht ständig neu motivieren und auch nicht innerlich gegen dich selbst arbeiten. Es läuft einfach weiter. Ruhig, konzentriert und ohne dieses Gefühl, dass du dich permanent zusammenreißen musst.

In der Psychologie hat dieses Erleben einen Namen: Flow.
Geprägt wurde der Begriff von Mihály Csíkszentmihályi, der sich über viele Jahre hinweg mit genau diesem Zustand beschäftigt hat. Seine zentrale Beobachtung war, dass Menschen besonders dann konzentriert und zufrieden sind, wenn sie vollständig in einer Tätigkeit aufgehen, ohne sich dabei ständig selbst zu beobachten oder zu bewerten.[2]

Oder etwas einfacher gesagt: Du bist nicht mehr neben der Sache, sondern mittendrin.

Zwischen „zu leicht“ und „zu viel“

Flow entsteht nicht zufällig, aber er lässt sich auch nicht einfach planen. Er liegt in einem Bereich zwischen zwei Zuständen, die im Alltag deutlich häufiger vorkommen. Wenn etwas zu leicht ist, verliert man schnell den Fokus. Gedanken wandern ab, die Aufmerksamkeit sucht sich etwas anderes. Wird es dagegen zu anspruchsvoll, entsteht Druck. Man versucht, mitzuhalten, kontrolliert stärker und genau das macht es oft anstrengend.[3]

Dazwischen gibt es diesen Bereich, in dem es passt. Du bist gefordert, aber nicht überfordert. Du musst dich konzentrieren, aber es fühlt sich nicht nach Kampf an. Genau dort kann Flow entstehen.[4]

Im Alltag ist dieser Punkt allerdings schwer zu halten. Anforderungen verändern sich, Dinge kommen dazwischen, und manchmal reicht schon eine kleine Unterbrechung, um wieder rauszufallen. Flow ist deshalb kein Zustand, den man festhalten kann, sondern eher etwas, das sich für eine Weile einstellt, wenn mehrere Dinge gleichzeitig passen.

Flow Zonen

FLOW – Warum sich das heute so selten anfühlt

Flow wirkt oft besonders, weil er im Alltag gar nicht mehr so oft vorkommt. Unsere Aufmerksamkeit wird ständig unterbrochen. Nachrichten, kleine Aufgaben, gedankliche Sprünge, alles greift ineinander. Man beginnt etwas, kommt rein, und dann ist man schon wieder draußen. Nicht, weil man es nicht kann, sondern weil ständig etwas dazwischenkommt.[5]

Das führt zu einem Zustand, der vielen bekannt vorkommen dürfte: Man ist den ganzen Tag beschäftigt, aber selten wirklich vertieft. Genau diese Vertiefung ist aber die Grundlage für Flow.

Es fehlt also weniger die Fähigkeit zur Konzentration, sondern eher der Raum, in dem sie entstehen kann.

Der Punkt, an dem es bei mir kippt – im positiven Sinne

Bei mir passiert Flow fast immer dann, wenn ein Projekt die Denkphase hinter sich hat. Wenn die groben Entscheidungen gefallen sind und es nicht mehr darum geht, etwas zu durchdenken, sondern es umzusetzen.

Gerade im Design ist das ziemlich deutlich. Sobald ich bei den Feinheiten bin (Layout anpassen, Farben abstimmen, Elemente verschieben) wird es ruhiger im Kopf. Ich arbeite mich nicht mehr durch etwas durch, sondern bewege mich darin. Vieles passiert intuitiv. Man probiert, verändert, schaut nochmal drauf und merkt irgendwann, dass es einfach läuft.

Das Gleiche passiert beim Magazin. Wenn die Inhalte stehen und es „nur noch“ darum geht, alles in eine gute Form zu bringen, entsteht genau dieser Zustand bei mir. Kein großes Grübeln, sondern ein gleichmäßiges Arbeiten, bei dem sich Schritt für Schritt alles zusammenfügt.

Fakten Flow

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Warum Flow mehr ist als ein gutes Gefühl

Nicht ohne Grund gilt in der Positiven Psychologie FLOW als ein Zustand, der zu mehr Zufriedenheit beitragen kann. Nicht, weil er alles besser macht, sondern weil er die Art verändert, wie man Dinge erlebt.[6]

Wenn man im Flow ist, rückt die ständige Selbstbewertung in den Hintergrund. Man denkt weniger darüber nach, ob etwas gut genug ist, und ist stärker bei dem, was man gerade tut. Das kann dazu führen, dass Aufgaben klarer wirken und weniger anstrengend sind, obwohl sie objektiv gleich bleiben. 

Flow ist deshalb kein Trick, um mehr zu leisten, er verändert eher das Gefühl dabei.

Warum man ihn nicht festhalten kann

So klar sich Flow anfühlt, wenn er da ist, so schnell ist er auch wieder weg.

Sobald man versucht, ihn bewusst zu erreichen oder festzuhalten, verändert sich die Situation. Man wird wieder aufmerksamer auf sich selbst, bewertet mehr, kontrolliert stärker  und genau das unterbricht den Zustand.

Flow entsteht nicht durch mehr Anstrengung, eher im Gegenteil. Er taucht oft dann auf, wenn man sich auf etwas einlässt, ohne es ständig zu hinterfragen.

Steht Achtsamkeit dem Flow im Weg?

Wenn Flow genau dann entsteht, wenn wir nicht kontrollieren, nicht bewerten und nicht ständig auf uns selbst schauen, steht Achtsamkeit dann nicht eigentlich im Weg?

Eine berechtigte Frage, oder? Denn Achtsamkeit bedeutet ja zunächst genau das: bewusst wahrnehmen, beobachten, im Moment sein. Klingt erstmal nach mehr Aufmerksamkeit auf sich selbst und damit nach genau dem Gegenteil von Flow, bei dem diese Selbstbeobachtung eher verschwindet. Aber so einfach ist es dann doch nicht.

Achtsamkeit wirkt nicht im Flow, sondern davor. Sie hilft dir nicht, in den Zustand zu kommen, während du mittendrin bist. Aber sie hilft dir, überhaupt in die richtige Richtung zu gehen.

Wenn du achtsam bist, merkst du eher, was dich überfordert und was dich langweilt. Du bekommst ein Gefühl dafür, welche Aufgaben dich reinziehen und welche dich eher ausbremsen. Du erkennst, wann etwas zu viel ist und wann es genau richtig wird.

Und genau dieses „genau richtig“ ist die Zone, in der Flow überhaupt entstehen kann.

Was diese Momente eigentlich zeigen

Flow ist kein Zustand, den man dauerhaft halten kann. Und er ist auch nichts, das man unbedingt erreichen muss. Aber er zeigt etwas ziemlich Konkretes.

Nämlich, wie sich Arbeiten und Denken anfühlen können, wenn sie nicht ständig unterbrochen werden. Wenn man nicht gleichzeitig an mehrere Dinge denkt, sondern wirklich bei einer Sache bleibt. Wenn sich das, was man tut, nicht wie Widerstand anfühlt, sondern wie ein ruhiger, durchgehender Prozess.

Das ist kein Ideal, das immer funktionieren muss. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass sich Dinge auch anders anfühlen können, als man es aus dem Alltag kennt. Und manchmal reicht genau dieser Unterschied schon aus, um zu merken, dass nicht alles schwer sein muss, damit es funktioniert.


IM FLOW SEIN

Wenn sich das Leben richtig anfühlt, ganz ohne Anstrengung und Stress

Quellen:
[1] Flinders University (2025). Achieving the psychological state of flowhttps://blogs.flinders.edu.au/student-health-and-well-being/2025/10/28/achieving-the-psychological-state-of-flow/
[2] Peifer, C. et al. (2022). A Scoping Review of Flow Research. Frontiers in Psychology. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2022.815665/full
[3] Cregan-Reid, V. (2025). ‘An optimal state of consciousness’: is flow the secret to happiness? https://www.theguardian.com/wellness/2025/may/08/what-is-flow-psychology
[4] Cregan-Reid, V. (2025). ‘An optimal state of consciousness’: is flow the secret to happiness? https://www.theguardian.com/wellness/2025/may/08/what-is-flow-psychology
[5] Cregan-Reid, V. (2025). ‘An optimal state of consciousness’: is flow the secret to happiness? https://www.theguardian.com/wellness/2025/may/08/what-is-flow-psychology
[6] Isham, A. et al. (2022). Finding flow: exploring the potential for sustainable fulfilment. The Lancet Planetary Health. https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(21)00286-2/fulltext

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