ADHS
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ADHS und kreatives Denken

Warum sich heute so viele in ADHS wiederfinden

Vielleicht kennst du das: Du liest einen Post, schaust ein Reel oder hörst einen Podcast – und denkst plötzlich: Moment, das bin ja ich. Vergesslich, schnell abgelenkt, tausend Gedanken gleichzeitig, innerlich ständig unter Strom. Und irgendwo fällt dann dieses Wort: ADHS.

Was früher eine medizinische Diagnose war, ist heute allgegenwärtig. Für viele ist das erstmal erleichternd. Endlich eine Erklärung, endlich ein Rahmen. Gleichzeitig bleibt ein komisches Gefühl: Haben plötzlich wirklich so viele Menschen ADHS? Oder erleben wir gerade etwas anderes?

Wenn Denken offen ist und die Welt sehr laut

Kreative Köpfe ticken oft anders. Gedanken springen, Ideen verbinden sich schnell, Eindrücke bleiben hängen. Psychologisch spricht man hier unter anderem von einer hohen Offenheit für Erfahrungen. Das ist keine Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal und eine echte Stärke.[1]

Das Problem beginnt dort, wo dieses offene Denken auf eine Umgebung trifft, die permanent sendet. Benachrichtigungen, Nachrichten, visuelle Reize, Erwartungen. Kaum etwas endet wirklich, alles läuft parallel. Für einen Kopf, der ohnehin viel wahrnimmt, ist das kein Extra-Input, sondern Dauerbeschallung.

Was früher vielleicht als zerstreut, sensibel oder ideenreich galt, fühlt sich heute schnell nach Überforderung an. Nicht, weil du weniger kannst, sondern weil dein Denken mehr Raum braucht, als ihm gerade zugestanden wird.

Wenn Eigenschaften plötzlich Symptome heißen

ADHS ist real und ADHS ist wichtig. Für viele Menschen ist eine Diagnose ein Wendepunkt: Dinge ergeben plötzlich Sinn, Schuldgefühle fallen weg, der Alltag wird verständlicher. Das sollte man ernst nehmen, ganz ohne Wenn und Aber.

Gleichzeitig passiert aber auch etwas anderes. In sozialen Medien tauchen immer mehr „typische Symptome“ auf. Gedankensprünge, Reizüberflutung, Chaos im Kopf,  Dinge, die viele kennen, vor allem in stressigen Phasen.[2] Das führt dazu, dass sich unglaublich viele Menschen wiederfinden.

Das ist erstmal nicht falsch. Kritisch wird es dort, wo Wiedererkennen automatisch als Diagnose gelesen wird.

Nicht jede Überforderung ist ADHS.
Nicht jede Unruhe ein Krankheitszeichen.
Und nicht alles, was anstrengend ist, muss pathologisiert werden.

Aber noch wichtiger ist es, niemandem seine Probleme, Unsicherheiten, Gefühle oder Überforderungen klein zu reden! 

ADHS Überforderung in lauter Welt

Social Media: viel Aufklärung, wenig Kontext

Dass heute offen über psychische Gesundheit gesprochen wird, ist grundsätzlich gut. Viele Themen haben dadurch endlich Sichtbarkeit bekommen. Menschen fühlen sich weniger allein, weniger „komisch“.

Aber Social Media funktioniert nicht wie Wissenschaft oder Medizin. Komplexe Zusammenhänge werden vereinfacht, zugespitzt, personalisiert. Je schneller man sich wiedererkennt, desto besser funktioniert der Content. Das lädt zu einer Art Hobby-Psychologie ein: kurze Clips, klare Labels, schnelle Erklärungen.

Manchmal hilft das. Manchmal geht es aber auch nach hinten los. Vor allem dann, wenn Begriffe wie ADHS zu Allzweck-Erklärungen werden, oder unbewusst als Ausrede dienen. Nicht aus böser Absicht, sondern weil es beruhigend ist, einen Namen zu haben.

Das Problem: Wenn alles ADHS ist, wird es schwer, ADHS noch ernst zu nehmen.

Persönlichkeit, Belastung und Diagnose auseinanderhalten

Ein wichtiger Schritt ist, hier genauer hinzuschauen. Offenes, kreatives Denken ist keine Diagnose. Reizüberflutung ist keine Krankheit. Und Stress kann Symptome erzeugen, die sich sehr ähnlich anfühlen, ohne dieselbe Ursache zu haben.

Eine echte ADHS-Diagnose basiert auf klaren Kriterien: Dauer, Intensität, Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche. Diese Tiefe geht in vielen öffentlichen Diskussionen verloren. Und genau das sorgt für Verunsicherung.[3]

Die entlastende Perspektive ist: Nicht alles, was sich gerade schwierig anfühlt, sagt etwas Grundsätzliches über dich aus. Manches sagt einfach etwas über die Bedingungen, unter denen du lebst und arbeitest.

Zwischen Selbstoptimierung und Selbstschutz

Was heißt das nun für den Alltag? Vor allem eines: weniger an dir herumdoktern, mehr auf deine Umgebung schauen.

Offene Denkweisen profitieren selten von mehr Disziplin. Sie profitieren von weniger Reizen, weniger parallele Kanäle, klarere Übergänge, echte Pausen ohne neuen Input. Nicht als Optimierungsprojekt, sondern als Schutz.

Struktur kann helfen, wenn sie trägt. Feste Zeiten, Orte oder Rituale sind sinnvoll, solange sie entlasten und nicht zusätzlich Druck erzeugen. Und ja: Manchmal ist es auch völlig okay, nicht alles sofort erklären oder einordnen zu müssen.

Wenn du merkst, dass dich vieles dauerhaft überfordert, dann ist es sinnvoll, das ernst zu nehmen. Eine Diagnose kann helfen. Nicht als Etikett, sondern als Werkzeug zum Verstehen. Aber sie ist nicht die einzige Erklärung, die zählt.

Ein entspannter Blick auf den Trend

Vielleicht zeigt der aktuelle ADHS-Trend weniger, dass plötzlich alle betroffen sind. Vielleicht zeigt er, wie schwer es geworden ist, mit offenen, sensiblen Denkweisen in einer sehr lauten Welt klarzukommen.

Die Frage ist also nicht nur: Was stimmt mit mir nicht? Sondern auch: Was ist gerade einfach zu viel?

Nicht alles, was anstrengend ist, ist krank. Aber vieles ist ein Zeichen dafür, dass Bedingungen angepasst werden sollten und nicht du.


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Quellen:

[1] Kaufman, S. B., Quilty, L. C., Grazioplene, R. G., et al. (2016). Openness to experience and intellect differentially predict creative achievement. Journal of Personality, 84(2), 248–258. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jopy.12156

[2] Hallowell, E. M., & Ratey, J. J. (2021). ADHD 2.0: New science and essential strategies.

[3] Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S014976342100049X?via%3Dihub

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